Sozialindex jetzt!
Zwischen Pausenbrot und Privatnachhilfe
- Soziale Ungleichheit prägt Niedersachsens Schulen
- Sozialindex jetzt verbindlich in die Ressourcenzuweisung!
Öffentliche Stellungnahme des Schulleitungsverbandes Niedersachsen, des Verbandes Bildung und Erziehung (Landesverband Niedersachsen), des Verbandes Niedersächsischer Lehrkräfte, des Verbandes der Leitungen niedersächsischer Grundschulen und des Landesschülerrats Niedersachsen.
In Niedersachsen hängen die Lern- und Arbeitsbedingungen an Schulen noch immer zu wenig von den tatsächlichen sozialen Ausgangslagen der Schülerinnen und Schüler ab. Dabei wissen wir längst, wie stark Schule als zentrale Stellschraube in der Reproduktion oder im Abbau sozialer Ungleichheit wirkt. Während an manchen Schulen der Unterricht mit vollzähligen Lerngruppen, stabilen Personaldecken und aktiver Elternunterstützung verlässlich gelingt, stehen andere täglich vor mehrfachen Herausforderungen zugleich: hohe Armutsquoten, sprachliche Hürden, belastete Familiensituationen, mehr Konflikte und deutlich höhere Förderbedarfe – bei gleichzeitig zu knappen zeitlichen, personellen und strukturellen Ressourcen.
Schulleitungen und Lehrkräfte, Schülerinnen und Schüler sowie Eltern berichten entsprechend von sehr unterschiedlichen Realitäten innerhalb desselben Landes. Während an manchen Schulen Krankheitsvertretungen organisiert werden können, führt Personalnot andernorts unmittelbar zu Unterrichtsausfall. Schulen mit hoher sozialer Belastung müssen pädagogische, organisatorische und soziale Aufgaben in besonderer Dichte parallel bewältigen – von individueller Förderung über Konfliktprävention bis hin zu Fragen der Teilhabe –, ohne dass sich diese Mehrbelastung bislang systematisch in der Zuweisung von Stunden, Personal und finanziellen Mitteln widerspiegelt.
Wir stellen klar: Diese Unterschiede sind systemrelevant – und politisch steuerbar.
Niedersachsen hat den Sozialindex angekündigt – die Versuche, ihn in die Neufassung des Klassenbildungserlasses zu integrieren, sind doppelt kläglich: „Ressourcenneutral“ wird ein Vorhaben dieser Größenordnung nicht zu haben sein. Das Bildungssystem braucht Haushaltsmittel in Größenordnungen, die in anderen Zusammenhängen „Sondervermögen“ heißen. Und die Vorstellung, die Eingriffstiefe so flach zu gestalten, dass man weniger benachteiligten Schulen nicht wehtut, verkennt die politischen und gesellschaftlichen Notwendigkeiten.
Zeitlich befristete Bundes- und Landesprogramme wie SchulePlus oder Startchancen versuchen dagegen, als Kompensationsprogramme einer zweifelhaft definierten Gruppe von Schulen in einem bürokratischen Top-Down-Prozess Ressourcen zuzuweisen und bleiben jeden empirischen Wirksamkeitsnachweis schuldig: Warum sind die meisten Schulen aus dem Programm „SchulePlus“ jetzt „Startchancen-Schulen“? Wer die tatsächlichen Probleme lösen will, darf kein Heftpflaster auf offene Brüche kleben.
Hamburg nutzt den Sozialindex als schulscharfes Steuerungsinstrument und Schaltzentrale der Ressourcenzuweisung für seine Schulen. Er beschreibt die soziale Zusammensetzung der Schülerschaft auf einer Skala von 1 bis 6: 1 = besonders herausfordernde sozio-ökonomische Lage, 6 = eher privilegierte Lage.
Wesentliche Merkmale der Hamburger Umsetzung:
- Einheitliche Einstufung (1–6) je Schule auf Basis amtlicher bzw. schulstatistischer und sozialräumlicher Daten (Schule und Wohnumfeld).1
- Kopplung an Ressourcen: Schulen mit höherer Belastung erhalten zusätzliche personelle und finanzielle Mittel – nicht als Projektprämie, sondern als Steuerungslogik.
- Transparenz und Vergleichbarkeit: Ergebnisse und Bewertungen werden sozial fairer eingeordnet, weil Schulen nicht gegen völlig andere Ausgangslagen „verglichen“ werden.
Kurz: Hamburg macht den Sozialindex wirksam, indem er Ressourcen bewegt.
Die Unterzeichnenden fordern die Landesregierung auf, den Sozialindex nicht nur zu berechnen, sondern konsequent umzusetzen – mit klaren, überprüfbaren Regeln:
- Sozialindex-basierte Grundzuweisung: Unterrichtsversorgung, Zusatzstunden, Entlastungskontingente und Budgets müssen indexbasiert angepasst werden.
- Mehr multiprofessionelle Teams dort, wo sie gebraucht werden: Schulsozialarbeit, Schulpsychologie und Beratungslehrkräfte, Sprachbildung, Sonderpädagogik, agile Klassenassistenzen und gepoolte Schulbegleitung – indexgesteuert und dauerhaft.
- Planbarkeit statt Projektlogik: Ressourcen nach Sozialindex müssen mehrjährig gesichert und schulgesetzlich verankert sein, damit Schulen Strukturen aufbauen können und nicht zum Spielball befristeter Prestigeprojekte einzelner Landesregierungen werden.
Ein Sozialindex ermöglicht gezielte Ressourcenzuweisung, verbessert Lern- und Arbeitsbedingungen und ist die Grundlage für echte Bildungsgerechtigkeit.
Wir fordern daher die niedersächsische Kultusministerin Julia Willie Hamburg auf, im Anschluss an die Koalitionsvereinbarung durch parteiübergreifende Konsensbildung für die verlässliche Etablierung eines Sozialindex über die aktuelle Legislaturperiode hinaus zu sorgen.
Für den SLVN: Matthias Aschern, Gregor Ceylan, Jan Pössel, Katja Tank
Für den Landesschülerrat: Matteo Feind, Marie Sievers, Otto Ellerbrock
Für den LNGS: Jörg Bratz, Marion Borderieux, Claudia Rudat, Petra Binder
Für den VBE: Franz-Josef Meyer
Für den VNL: Torsten Neumann
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1 Quellenangabe/ Reference: Schulte, Klaudia; Lücken, Markus; Warmt, Maike; Hartig, Johannes: Die Neuauflage des Sozialindex für Hamburger Schulen auf amtlicher Basis.
Gründe, Verfahren und Zusammenhänge - In: Die Deutsche Schule 115 (2023) 4, S. 384-397 - URN: urn:nbn:de:0111-pedocs-284189 - DOI:10.25656/01:28418;
10.31244/dds.2023.04.08. https://nbn-resolving.org/urn:nbn:de:0111-pedocs-284189. https://www.pedocs.de/frontdoor.php?source_opus=28418