VNL-Statement zur geplanten Neufassung der Grundsatzerlasse für Haupt-, Real- und Oberschulen
In einer ersten Reaktion auf die Vorstellung der geplanten Neufassung der Grundsatzerlasse für Haupt-, Real- und Oberschulen äußert sich Torsten Neumann, Vorsitzender des VNL – Verband Niedersächsischer Lehrkräfte, wie folgt:
„Der VNL bewertet die heute von Kultusministerin Julia Willie Hamburg vorgestellte Neufassung der Grundsatzerlasse für Haupt-, Real- und Oberschulen kritisch. Grundsätzlich ist die Stärkung von Basiskompetenzen und individueller Förderung richtig, scheitert jedoch in der aktuellen Ausgestaltung an der schulischen Realität. Zentrale Aufgaben werden auf die einzelne Schule verlagert – ohne zusätzliche personelle Ressourcen. Was als Stärkung dargestellt wird, ist in Wahrheit eine Verlagerung von Verantwortung ohne die nötigen Mittel.
Besonders deutlich wird dies bei der verpflichtenden individuellen Förderung. Zwar werden entsprechende Instrumente und Förderkonzepte vorgegeben, die Umsetzung bleibt jedoch vollständig bei den Schulen. Lehrkräfte müssen Lernstände diagnostizieren, Maßnahmen im Unterricht umsetzen und kontinuierlich begleiten – zusätzlich zum regulären Unterricht. Individuelle Förderung ist notwendig, aber ohne Zeit und Personal nicht umsetzbar.
Ähnlich problematisch ist die Flexibilisierung der Stundentafeln: Schulen treffen künftig weitreichende Strukturentscheidungen selbst, was zu erheblichen Unterschieden zwischen Schulen führt – bei gleichen Abschlüssen.
Besonders belastet werden aus Sicht des Verbandes die Oberschulen. Die Kombination aus flexiblen Strukturen, Differenzierung, gymnasialem Angebot und zusätzlicher Förderverpflichtung erhöht die Komplexität erheblich. Die Oberschule droht durch diese Reform nicht gestärkt, sondern strukturell überfordert zu werden.
Grundsätzlich verfolgt die Reform richtige Ziele, aber nur auf dem Papier wird gestärkt – in der Praxis droht eine Überforderung. Es bedarf verbindlicher Mindeststandards, klarer Regeln zur Leistungsbewertung – insbesondere beim Einsatz von KI – sowie zusätzlicher personeller Ressourcen. Mehr Freiheit ohne ausreichender Ressourcen ist kein Fortschritt, sondern ein Risiko für die Qualität unseres Bildungssystems.“